Die Sammlung Emil Bührle im Kunsthaus Zürich

Einführung

Die Sammlung Emil Bührle Im Kunsthaus Zürich Eine Kunstsammlung von Weltrang und ihre Geschichte

Rund 170 Kunstwerke der privaten Stiftung Sammlung E. G. Bührle sind im Herbst 2021 als Dauerleihgaben ans Kunsthaus Zürich gekommen. Die Integration der Werke in den Erweiterungsbau wurde 2012 in einer Volksabstimmung befürwortet. Die Sammlung enthält Werke vom Mittelalter bis zur frühen Moderne, im Mittelpunkt steht ein herausragendes Ensemble französischer Malerei des Impressionismus.

Bernardo Strozzi, Santa Caterina d’Alessandria (Die heilige Katharina von Alexandrien), 1618/1620 Öl auf Leinwand, 165 x 130 cm, Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich, Foto: SIK-ISEA, Zürich (J.-P.Kuhn)
Jean-Baptiste-Camille Corot, La Liseuse (Das lesende Mädchen), 1845/1850 Öl auf Leinwand, 42,5 x 32,5 cm, Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich, Foto: SIK-ISEA, Zürich (J.-P. Kuhn)
Édouard Manet, Un Coin du jardin de Bellevue (Im Garten der Villa Bellevue), 1880 Öl auf Leinwand, 91 x 70 cm, Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich, Foto: SIK-ISEA, Zürich (J.-P. Kuhn)
Edgar Degas, Petite Danseuse de quatorze ans (Kleine vierzehnjährige Tänzerin), 1880/1881 Bronze, teilweise bemalt, Baumwollrock, Seidenband, 98 cm (Höhe), Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich, Foto: Peter Schälchli, Zürich
Pierre-Auguste Renoir, Irène Cahen d’Anvers (La Petite Irène) [Irène Cahen d’Anvers (Die kleine Irene)], 1880 Öl auf Leinwand, 65 x 54 cm, Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich, Foto: Schälchli/Schmidt, Zürich
Pablo Picasso, L’Italienne (Die Italienerin), 1917 Öl auf Leinwand, 149 x 101,5 cm, Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich, Foto: SIK-ISEA, Zürich (J.-P. Kuhn)

Emil Bührle (1890-1956) war ein bedeutender Industrieller, Sammler und Mäzen und ist bis heute eine umstrittene Figur. Bührle baute die Werkzeugmaschinenfabrik in Oerlikon bei Zürich zu einem international agierenden Rüstungskonzern aus. Der Erfolg des Unternehmens machte ihn sehr wohlhabend und ermöglichte ihm den Aufbau einer der bedeutendsten Privatsammlungen seiner Zeit. Sie umfasste über 600 Werke.

Emil Bührle posiert 1954 vor einem Prototypen einer Flugabwehrrakete seiner Firma The LIFE Picture Collection / Shutterstock / Foto: Dmitri Kessel

Emil Bührle begann 1936 zu sammeln. Zwischen 1936 und 1945 gelangten rund 150 Werke in die Sammlung. 13 davon wurden nach dem Krieg als Raubkunst identifiziert. Bührle musste sie restituieren. Er erwarb neun davon ein zweites Mal. Die Hauptphase seiner Sammlertätigkeit liegt in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg.

Emil Bührle in seiner Sammlung, 1954 The LIFE Picture Collection / Shutterstock / Foto: Dmitri Kessel
Claude Monet, Le Bassin aux nymphéas, le soir (Der Seerosenteich am Abend), 1916/1922 Öl auf Leinwand, 200 x 600 cm, Kunsthaus Zürich, Geschenk Emil G. Bührle, 1952, Foto: Kunsthaus Zürich, Franca Candrian

Von Bührles grossen finanziellen Möglichkeiten profitierte auch das Kunsthaus Zürich. Bührle war seit 1940 Mitglied der Sammlungskommission. Noch im selben Jahr stellte er die Finanzierung eines Erweiterungsbaus in Aussicht. Im Zuge der Umsetzung dieses Bauprojekts schenkte er dem Kunsthaus 1952 zwei grosse Seerosenbilder Claude Monets.

Es ist meine Absicht, anlässlich der Eröffnung des Neubaus der Öffentlichkeit eine Gesamtschau meiner Sammlung zu bieten. In diesem Sinne sage ich zu Ihnen: Auf Wiedersehen am Heimplatz.

Emil Bührle, Vortrag 1954

Die Ausstellung fand 1958 statt, zwei Jahre nach dem Tod des Sammlers. 1960 wurden rund 200 Werke der Sammlung in eine Stiftung überführt. Diese präsentierte die Werke bis 2015 in einem Privatmuseum am Stadtrand von Zürich. An diesem Ort, der für ein grösseres Publikum nicht ideal erreichbar war, konnte die Sicherheit der Werke nicht mehr ausreichend garantiert werden. Im Oktober 2021 ist die Sammlung als Dauerleihgabe in den Chipperfield-Bau eingezogen, wo sie einen Sechstel der gesamten Ausstellungsfläche belegt. Damit hat in der Beziehung Bührles, seiner Familie und der Sammlung zum Kunsthaus und der Stadt Zürich eine neue Phase begonnen.

Die Gartenseite der Villa neben dem Wohnhaus der Familie Bührle an der Zollikerstrasse 172 in Zürich Archiv Stiftung Sammlung E. G. Bührle, Zürich Der Erweiterungsbau von David Chipperfield Architects am Heimplatz in Zürich, August 2021 Foto: Kunsthaus Zürich, Franca Candrian

Die Sammlung

Die Sammlung

Vincent van Gogh, Le Semeur au soleil couchant (Der Sämann bei untergehender Sonne), 1888 Öl auf Leinwand, 73 x 92 cm, Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich, Foto: Schälchli/Schmidt, Zürich

In Mittelpunkt der Sammlung Emil Bührles steht die Malerei des französischen Impressionismus. An diesen Kernbestand schliessen Werke an, die den Impressionismus vorbereiten, ihn begleiten oder als Ausgangspunkt haben. Der Sammlung gehört ausserdem eine Gruppe spätmittelalterlicher Holzplastiken an.

Die Auswahl Bührles folgte festen Kriterien. Die Malerei des französischen Impressionismus und des Postimpressionismus bildeten für ihn die Grundlagen für die Moderne. Zwei bedeutende Bewegungen des frühen 20. Jahrhunderts, der Fauvismus und der Kubismus, sind mit wenigen, aber exzellenten Werken ebenfalls in der Sammlung vertreten.

Impressionismus

In der Sammlung sind wesentliche Themen und Entwicklungen des Impressionismus in grösseren Werkgruppen aussagekräftig abgebildet.

Die Industrielle Revolution und die Erfindung der Eisenbahn veränderten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Wahrnehmung von Aussenraum, Natur und Landschaft tiefgreifend. In den 1870er-Jahren entwickelte Claude Monet mit seinen Kollegen Camille Pissarro und Alfred Sisley die luftige Kunst des Impressionismus, das rasche Festhalten eines atmosphärischen Augenblicks mit spontanen Pinselstrichen. Begünstigt auch durch die Erfindung der Tubenfarbe liessen die Impressionisten das Atelier zunehmend hinter sich und fanden im Aussenraum vielfältige Inspiration, die sie vor Ort, en plein air, festhielten.

Der Impressionismus

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebte Frankreich einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung, und Paris wurde zur massgeblichen kulturellen Metropole. Künstler stellten sich nun die Frage, wie ein Bild beschaffen sein muss, um diese gesellschaftlichen Phänomene abzubilden. Um diese neue Welt einzufangen, suchten sie nach neuen Formen des Sehens und des Malens. Claude Monet, Alfred Sisley, Camille Pissarro und Pierre-Auguste Renoir erkannten, dass Gegenstände sich je nach Lichtsituation und Umgebung immer wieder verwandeln und andere optische Eindrücke (frz. impressions) ausstrahlen. Sie versuchten also, genau diese Eindrücke einzufangen, indem sie vor allem en plein air – in freier Natur – arbeiteten und diese nicht streng nachahmend wiedergaben, sondern auf die atmosphärische Wirkung derselben zielten. Die Impressionisten traten mit einer Gemeinschaftsausstellung 1874 erstmals an die Öffentlichkeit. Zahlreiche weitere Ausstellungen der Gruppe, insgesamt acht an der Zahl, sollten folgen.

Landschaften

Durch den Bau erster Eisenbahnlinien wurden nun auch die etwas entfernteren Gegenden um die Stadt Paris für die Bevölkerung als Erholungszonen zugänglich. Die Maler des Impressionismus schilderten beides: das Vordringen der technischen Infrastruktur der Bahn in die ländlichen Gebiete und zugleich das Ausschwärmen der Menschen aus der Hauptstadt. Mit ihrer schnellen Malweise waren sie imstande, ihre unmittelbaren Eindrücke direkt vor Ort festzuhalten.

Claude Monet, Champ de coquelicots près de Vétheuil (Mohnblumenfeld bei Vétheuil), um 1879 Öl auf Leinwand, 73 x 92 cm, Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich, Foto: Schälchli/Schmidt, Zürich Alfred Sisley, Été à Bougival (Sommer bei Bougival), 1876 Öl auf Leinwand, 47 x 62 cm, Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich, Foto: SIK-ISEA, Zürich (J.-P. Kuhn)

Die Malerei der Impressionisten war eine Revolution: Anstatt ihre Farben auf der Palette zu mischen, trugen sie sie direkt in leuchtenden Farbtupfern auf die Leinwand auf. Sie vermischen sich erst im Auge des Betrachters und erzeugen dort die Wirkung von lichter Präsenz.

Figuren

Pierre-Auguste Renoir, Irène Cahen d’Anvers (La Petite Irène) [Irène Cahen d’Anvers (Die kleine Irene)], 1880 Öl auf Leinwand, 65 x 54 cm, Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich, Foto: Schälchli/Schmidt, Zürich Edgar Degas, Ludovic Lepic et ses Filles (Ludovic Lepic und seine Töchter), um 1871 Öl auf Leinwand, 65 x 81 cm, Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich, Foto: Peter Schälchli, Zürich

Trotz der starken Betonung der Landschaftsmalerei blieb bei den Impressionisten auch das Thema der Figur präsent. Auch im Falle seiner Darstellung eines sitzenden Mädchens setzte Pierre-Auguste Renoir aber stark auf die Präsenz des Lichts und betonte so die im Moment erfasste Gegenwart des Modells. Edgar Degas arbeitete mit Unschärfe und angeschnittenen Elementen, wie er sie in der Fotografie kennengelernt hatte.

Vor dem Impressionismus

Édouard Manet ist ein Vorläufer des Impressionismus. Er suchte schon zu seiner Zeit nach neuen Wegen, um das moderne Pariser Leben darzustellen. Dabei überwand er in seinen Werken die Klarheit vertrauter Bildstrukturen, was dem Betrachter ermöglicht, sein Auge wandern zu lassen. Die Art seines spontan wirkenden Farbauftrags sprengt das sonst stabile Gefüge einer klassischen Komposition und die Ganzheit von Formen, Figuren und Räumen.

Édouard Manet, Les Hirondelles (Die Schwalben), 1873 Öl auf Leinwand, 65 x 81 cm, Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich, Foto: SIK-ISEA, Zürich (J.-P. Kuhn)

Für Emil Bührle war Édouard Manet als Ausgangspunkt der modernen französischen Malerei von ausschlaggebender Bedeutung. Entsprechend strebte er auch danach, ihn in seiner Sammlung würdig vertreten zu sehen. Manet stellte aber auch eine Verbindung zur älteren Malerei her. Denn bei der Entwicklung seines spontanen Malstils hatte er sich von grossen Meistern der Tradition inspirieren lassen, etwa dem Niederländer Frans Hals. Dies interessierte den kunsthistorisch versierten Emil Bührle, der solche Einflusslinien in seiner Sammlung abbilden wollte.

Eines der bedeutendsten Bilder der Sammlung. Freiheit und Virtuosität des Pinsels, die nie übertroffen wurden, lassen gerade hier die Beziehung Manets zu Frans Hals deutlich erscheinen.

Emil Bührle, Vortrag 1954
Frans Hals, Herrenbildnis, 1660/1666 Öl auf Leinwand, 70 x 58,5 cm, Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich, Foto: Schälchli/Schmidt, Zürich

Bührle fügte auch weitere Figuren und Epochen der alten Kunst zu seiner Sammlung hinzu: so faszinierten ihn etwa die venezianischen Meister des 18. Jahrhunderts, weil ihre Darstellungen des Lichts ihn an die späteren Leistungen der Impressionisten erinnerten.

Postimpressionismus

Vom Impressionismus ausgehend, interessierte sich Bührle auch für Entwicklungen der Kunst, die von diesem angestossen worden waren. In der Sammlung spielen die drei grossen Postimpressionisten Paul Cézanne, Vincent van Gogh und Paul Gauguin eine zentrale Rolle. Sie machten die Errungenschaften des Impressionismus für die Moderne nutzbar.

Paul Cézanne, Le Garçon au gilet rouge (Der Knabe mit der roten Weste), 1888/1890 Öl auf Leinwand, 79,5 x 64 cm, Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich, Foto: SIK-ISEA, Zürich (J.-P. Kuhn)

In Cézannes rhythmisierten Farbflecken erhält die Malerei selbst einen Eigenwert. In diesem Bild geht es nicht um die Schilderung der Stofflichkeit von Hemd und Weste, sondern um die Verdichtung der Komposition mittels der Pinselarbeit. Cézanne strukturiert die Farbflecken in Bezug zur Gesamtfläche des Bildes. Wichtig werden für ihn auch Zwischenräume: So ist die Leerform zwischen der roten Weste, dem Arm und dem Tisch malerisch genauso wichtig wie es die Formen sind, die die Figur des Jungen definieren. Auf diese Weise entsteht ein dichtes Gewebe von Malerei.

Vincent van Gogh, Le Semeur au soleil couchant (Der Sämann bei untergehender Sonne), 1888 Öl auf Leinwand, 73 x 92 cm, Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich, Foto: Schälchli/Schmidt, Zürich
Paul Gauguin, L’Offrande (Die Opfergabe), 1902 Öl auf Leinwand, 68,5 x 78,5 cm, Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich, Foto: Schälchli/Schmidt, Zürich

Paul Gauguin schliesslich setzte auf grosse, geschlossene Farbflächen und gliederte seine Kompositionen auf neue Weise durch geschwungene Linien (Arabesken). Sie beinhalten eine neuartige, abstrakte Qualität, die dem Bild auf der Fläche Dichte geben.

Paul Signac, Les Modistes (Die Hutmacherinnen), 1885/1886 Öl auf Leinwand, 116 x 89 cm, Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich, Foto: SIK-ISEA, Zürich (J.-P. Kuhn)

Auch der vierte postimpressionistische Weg, derjenige des Pointillismus von Georges Seurat und Paul Signac, ist in der Sammlung Emil Bührle vertreten. Er basiert auf dem Konzept einer Systematisierung des impressionistischen Farbauftrags. Statt flächiger Pinselstriche setzten die Pointillisten einzelne, identisch grosse Farbpunkte, aus denen sich aus der Entfernung das Motiv aufbaut.

Die Nabis und Henri de Toulouse-Lautrec

Mit den Werken der Künstlergruppe der Nabis (hebräisch für «Propheten») und von Henri de Toulouse-Lautrec geht die Sammlung über den Impressionismus hinaus. Anders als im Impressionismus stand bei den Nabis das Malen von intensiv-atmosphärischen Interieurs mit Figuren im Mittelpunkt.

Pierre Bonnard, Le Déjeuner (Das Mittagessen), 1899 Öl auf Karton, 54,5 x 70,5 cm, Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich, Foto: SIK-ISEA, Zürich (J.-P. Kuhn)

Ausgangspunkt der Malerei der Nabis waren die frühen, in der ländlichen Bretagne entstandenen Gemälde Paul Gauguins. Die Nabis sahen sich als Propheten einer neuen Kunst. Ihnen zufolge hatte die Kunst dem Ausdruck von Ideen durch die Formen zu dienen. Sie sollte symbolisch, subjektiv und dekorativ sein. Illusionismus, Realität und Trompe-l’œil waren tabu. Während bei den Impressionisten die Landschaft ein entscheidendes Themenfeld darstellt, wandten sich die beiden wichtigsten Nabis, Pierre Bonnard und Édouard Vuillard, besonders der Darstellung von Figuren in dekorativen Innenräumen zu.

Henri de Toulouse-Lautrec, Messaline (Messalina), 1900/1901 Öl auf Leinwand, 92 x 68 cm, Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich, Foto: SIK-ISEA, Zürich (J.-P. Kuhn)

Auch Henri de Toulouse-Lautrec interessierte sich stark für die Darstellung von Menschen in Innenräumen. Bei ihm waren es aber anders als etwa bei den Nabis keine intimen familiären Räume, sondern spezifisch urbane Orte, wie Cabarets oder Bordelle. Der Künstler zeigte dabei auch dunklere Facetten des Lebens, die bei den Impressionisten keine zentrale Rolle spielten.

Kubismus

Auch bei seinem Ausblick auf die künstlerische Avantgarde des 20. Jahrhunderts liess sich Bührle von den prägenden Auswirkungen des Impressionismus und Postimpressionismus leiten.

Georges Braque, Homme au violon (Violinspieler), 1912 Öl auf Leinwand, 100 x 73 cm, Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich, Foto: SIK-ISEA, Zürich (J.-P. Kuhn) Pablo Picasso, L’Italienne (Die Italienerin), 1917 Öl auf Leinwand, 149 x 101,5 cm, Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich, Foto: SIK-ISEA, Zürich (J.-P. Kuhn)

In der Nachfolge Cézannes erneuerten die Begründer des Kubismus, Pablo Picasso und Georges Braque die Malerei ab 1909 radikal. In den Mittelpunkt rückten sie die flächenhaften Mittel der Malerei selbst: Linie, Farbschattierung, Formenrhythmus, Raumerzeugung durch die Illusion aufeinandergelegter Flächen. Diese Elemente wurden nun zum zentralen Inhalt der Bilder. Die sichtbare Welt soll nicht mehr abgebildet, sondern im Bild kontrolliert neu errichtet werden. Braques Homme au violon zeigt den lichten Kubismus dieser Jahre, der immateriell wirkt. Picasso fügte in seinem 1917 entstandenen Bild Flächenelemente und Muster zu einer dekorativen Einheit.

Religiöse Kunst des Mittelalters

Als letztes Element kommt ab 1951 eine umfangreiche Gruppe mittelalterlicher Skulpturen in die Sammlung.

Emil Bührles Interesse an mittelalterlicher Skulptur war persönlicher Art. Zum einen erinnerten ihn diese Werke an seine studentische Begeisterung für die Kunst der Gotik. Zum anderen war hier seine Konfession von Belang. Er war christkatholisch und stiftete in Oerlikon eine Kirche, für deren Ausstattung er einige dieser Werke erwarb.

Oberschwaben, Schutzmantelmadonna, um 1500 Lindenholz, 115 cm (Höhe), Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich, Foto: Peter Schälchli, Zürich

Die Schutzmantelmadonna ist ein beliebtes spätmittelalterliches Bildmotiv. Unter dem Mantel der stehenden Maria, die das Jesuskind hält, finden kleine Figuren aus verschiedenen gesellschaftlichen Ständen Schutz, wobei die Männer von Maria aus gesehen rechts, die Frauen links stehen. Marias Fürsorge für das Kind wird also auf alle Gläubigen übertragen. Zwei Engel halten den Stoff des vergoldeten Mantels. Die Skulptur ist auch sonst reich mit Vergoldung und Bemalung ausgestaltet.

Der Sammler

Der Sammler

Claude Monet, Champ de coquelicots (Mohnblumenfeld), 1880 Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich, Vermächtnis Dr. Dieter Bührle, 2012, Foto: Schälchli/Schmidt, Zürich

1924 übernahm Emil Bührle die Leitung der Werkzeugmaschinenfabrik in Oerlikon bei Zürich. Er baute das Unternehmen zu einem weltweit agierenden Rüstungskonzern aus. 1936 begann er in großem Stil zu sammeln und wurde in nur 20 Jahren zu einem der bedeutendsten Sammler seiner Zeit.

Emil Bührle wurde 1890 in bürgerliche Verhältnisse geboren. Er studierte zwischen 1909 und 1914 in Freiburg i. Br. und München Germanistik und Kunstgeschichte. Die dort erworbenen Kenntnisse über Malerei und mittelalterliche Skulpturen sollten sich in seiner Sammlung niederschlagen.

Zu seinen Kommilitonen zählte auch Erwin Panofsky, der einer der bedeutendsten Kunsthistoriker des 20. Jahrhunderts werden sollte.

Die Teilnehmerliste am Seminar vom Sommersemester 1914 mit den Einträgen von Erwin Panofsky und Emil Bührle Vöge-Archiv, Freiburg i.Br.

1913 besuchte der Student Emil Bührle die Nationalgalerie in Berlin. Dort sah er zum ersten Mal Bilder von französischen Impressionisten. Deren Ankauf hatte eine politische, von nationalistischen und anti-französischen Tönen geprägte Auseinandersetzung ausgelöst, die 1908 mit der Entlassung des Museumsdirektors Hugo von Tschudi durch den deutschen Kaiser geendet hatte.

Der Impressionistensaal wird dominiert von Édouard Manets Im Wintergarten (1877), das links im Bild zu sehen ist.

Blick in die Ausstellung der Nationalgalerie, III. Geschoss, Raum 5 mit Werken der französischen Impressionisten bpk / Zentralarchiv, SMB

In dieser Stunde vor den Schöpfungen der französischen Maler fiel nun der Stein ins Wasser. Da stand es für mich fest, dass ich mir einmal, sofern ich es vermöchte, solche Manet-, Monet-, Renoir, Degas- und Cézanne-Bilder an die Wand hängen wollte.

Emil Bührle, Vortrag 1954

1914 markierte den Beginn des ersten Weltkriegs. Emil Bührle wurde wie die meisten seiner Kommilitonen eingezogen. Nach einer Verletzung erhielt er eine Ausbildung am Maschinengewehr. Ab 1916 führte er als Leutnant einen Maschinengewehr-Zug auf Kriegsschauplätzen an der deutschen Ost- und der Westfront.

Nach Kriegsende blieb er bei seiner Division, die sich in Berlin einer freiwilligen Landesschützenbrigade anschloss. Das paramilitärische Freikorps beteiligte sich an der Niederschlagung der Aufstände des kommunistischen Spartakusbundes in Berlin. Inwieweit Bührle bei diesen Aktionen beteiligt war, ist von Historikern nicht belegt.

F. Hanel, "Spähtrupp Bührle" (1918), aus Georg Bahls, Das 3. Badische Dragoner-Regiment, 1934 Archiv Stiftung Sammlung E. G. Bührle, Zürich

Mit seiner Einheit nach Magdeburg verlegt, wurde Bührle im Privathaus des Bankiers und Unternehmers Ernst Schalk einquartiert. Hier lernte er dessen Tochter Charlotte kennen, mit der er sich im Oktober 1919 verlobte. Noch am Tag seiner Hochzeit 1920 wurde Bührle zum Prokuristen der Magdeburger Werkzeug- und Maschinenfabrik befördert, bei der Ernst Schalk als Aktionär beteiligt war.

Verlobungsfotografie von Charlotte Schalk und Emil Bührle, 1919 Archiv Stiftung Sammlung E. G. Bührle, Zürich

Der Unternehmer

Emil Bührle übersiedelte 1924 in die Schweiz, um Prokurist der Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon (WO) zu werden. 1923 hatte die Magdeburger Werkzeug- und Maschinenfabrik die WO gekauft. Bührle wurde so zu einem der grössten Arbeitgeber des Landes.

Bührles Karriere wäre ohne das ökonomische Startkapital seiner Schwiegereltern nicht möglich gewesen. Als er 1924 in Zürich ankam, war er der Schwiegersohn und Vertrauensmann einer wohlhabenden Familie mit Kontakten zum rechtskonservativen Milieu. 1927 übernahm er die Geschäftsführung der Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon.

Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon (WO)

Die WO ging aus der 1906 gegründeten Schweizerischen Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon (SWO) hervor, die 1923 für 1,5 Millionen Franken von der Magdeburger Werkzeug- und Maschinenfabrik übernommen worden war. Die Schweizer Rüstungsindustrie entstand im Sog der "verdeckten Rüstung" in Deutschland, eine Folge des Versailler Vertrags von 1919, in dem die militärische Entmachtung Deutschlands vorgesehen war. Die Schweiz hatte kein Interesse an der Ratifizierung dieses Vertrags und setzte stattdessen darauf, ihre wirtschaftlich wichtigen Beziehungen zum nördlichen Nachbarn durch bilaterale Wirtschaftsbeziehungen zu regeln.

1937 wurde Bührle Schweizer Staatsbürger und Alleininhaber der Oerlikon Bührle & Co. (WOB). Nach der Besetzung Frankreichs 1940 lieferte die WOB in Abstimmung mit dem Schweizer Bundesrat Waffen an das nationalsozialistische Deutsche Reich im Wert von 540 Millionen Franken, was etwa 70% der Exporte der Schweizer Rüstungsproduktion entsprach. Im Jahr 1941 betrugen die Waffenlieferungen aus der Schweiz 14% der gesamten Exporte des Landes.

2cm Maschinenkanone Oerlikon eingebaut in Dornier-Superwal, Versuche 15. Juli 1930, Bodensee. Am Geschütz E. Bührle Quelle: Ein Rückblick. Die geschichtliche Entwicklung der OERLIKON-Waffen in 20 Jahren, in: Werkmitteilungen, Mai 1945, S. 18-22. Photo: Rheinmetall Air Defence AG
Dreher in der Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon-Bührle & Co., um 1940 Schweizerisches Sozialarchiv / Foto: Ernst Koehli Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon-Bührle & Co., 1946 Rheinmetall Air Defence AG

Zwangsarbeit in der Tochterfirma IKARIA

Bührle wurde 1934 Mitbegründer der Firma Ikaria (Berlin). 1937 musste er seine Anteile an das deutsche Reichsluftfahrtministerium abgeben. Die WOB erhielt aber Lizenzzahlungen für die von ihr entwickelte Flügelkanone. In der Fabrikanlage in Velten (Brandenburg) wurden ab 1943 Zwangsarbeiterinnen aus einem nahegelegenen Konzentrationslager eingesetzt. Die WOB verdiente bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs an ihrer Lizenz rund 870’000 Franken. Die Geschichtsforschung geht heute davon aus, dass Bührle nach dem Krieg von den Arbeitsbedingungen in Velten wissen konnte.

Die WOB war während des Krieges mit 3’700 Beschäftigten eines der grössten Unternehmen der Schweiz. Das Ausfuhrverbot des Schweizer Bundesrats für Rüstungsgüter führte 1944 zu einem markanten Produktionsrückgang der WOB, die ausserdem auf den «Schwarzen Listen» der Alliierten stand. Nach diplomatischen Anstrengungen des Aussenministeriums wurde der Bann 1946 aufgehoben.

Emil und Charlotte Bührle bei der Überfahrt in die USA, 1947 Archiv Stiftung Sammlung E. G. Bührle, Zürich

Innert weniger Monate schaffte Bührle den Übergang von den Schwarzen Listen der Alliierten zu den amerikanischen society pages und integrierte sich ohne Schwierigkeiten in Kreise, die sich für die Eindämmung des Kommunismus einsetzten.

Prof. Dr. Matthieu Leimgruber, 2020

Im Sommer 1950 brach der Koreakrieg aus. In der Folge war ein markanter Anstieg der Waffenexporte aus der Schweiz zu verzeichnen. Eine wichtige Rolle spielte dabei eine neu entwickelte, hocheffiziente Pulverrakete der WOB. Grundlage war ein Kriegsmaterialbeschluss des Bundesrats von 1949, der von den Gewerkschaften unterstützt wurde. Schweizer Unternehmen, darunter die WOB, expandierten auch in Indien und Ägypten.

Montage der 8cm Oerlikon Rakete im Werk 4 Rheinmetall Air Defence AG 8cm Oerlikon Pulver-Rakete, Vierer Doppelwerfer mit starrem Leitwerk auf Spitfire Rheinmetall Air Defence AG

Der Koreakrieg

Der Krieg zwischen der Demokratischen Volksrepublik Korea (Nordkorea) und der Republik Korea (Südkorea) dauerte von 1950 bis 1953. Die beiden Staaten waren nach dem Zweiten Weltkrieg aus der sowjetischen und der US-amerikanischen Besatzungszone in Korea hervorgegangen. Mit dem Eingreifen der USA und später Chinas wurde aus dem nationalen ein internationaler Krieg, der 940’000 Soldaten und etwa drei Millionen Zivilisten das Leben kostete. Chinesische Truppen blieben bis 1958 in Nordkorea, US-Truppen sind noch immer in Südkorea stationiert. Bis heute wurde kein Friedensvertrag zwischen den beiden Ländern abgeschlossen.

Ost und West befanden sich Anfang der 1950er-Jahre im Kalten Krieg. Die WOB sicherte sich 1952 einen Grossauftrag des US-Verteidigungsministeriums im Volumen von 140 Millionen Franken. Der Rüstungskonzern wurde durch Aufträge des Bundesrats zum Lieferanten bei der Modernisierung und Wiederaufrüstung der Schweizer Armee mit einem Volumen von 1,2 Milliarden Franken. Davon entfielen 100 Millionen auf die WOB.

Der Kalte Krieg

Der Kalte Krieg dauerte von 1945 bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion 1991. Der Begriff bezeichnet die Systemkonfrontation zwischen Kapitalismus und Kommunismus. Auf der einen Seite standen die Westmächte unter der Führung der USA, auf der anderen der sogenannte Ostblock unter der Führung der Sowjetunion (UdSSR). Obwohl es zu keiner direkten militärischen Auseinandersetzung zwischen den Supermächten kam, gab es sogenannte Stellvertreterkriege wie den Koreakrieg, den Vietnamkrieg und den Krieg in Afghanistan. Der Konkurrenzkampf zwischen den beiden Systemen fand Niederschlag in allen gesellschaftlichen Bereichen, vor allem aber im Rüstungswettlauf.

Das 50-jährige Jubiläum der WOB fand am 19.Oktober 1956 im Zürcher Hallenstadion statt. Über 3’000 Gäste waren geladen, darunter hochrangige lokale und nationale Exponenten aus Politik, Militär, Industrie, Finanzwirtschaft und Kultur. Fünf Wochen später, am 28. November 1956, starb Emil Bührle an Herzversagen.

50-jähriges Firmenjubiläum der WOB im Hallenstadion Zürich, 19. Oktober 1956 ullstein-bild – RDB

Der Sammler

Parallel zur auch finanziell erfolgreichen Entwicklung seiner unternehmerischen Tätigkeit baute Bührle eine bedeutende Kunstsammlung auf, die an seinem Lebensende rund 600 Werke umfasste.

Bührle begann mit dem Kauf von Kunst 1936, als er dank der Ausweitung des Waffenexports der WO seine erste Million verdiente. Zwischen 1936 und 1940 erwarb er insgesamt 53 Werke von Schweizer Händlern im Wert von 1,4 Millionen Franken. In diesen Jahren expandierte auch der Schweizer Kunstmarkt. Aus dem Ausland kommende Galeristen liessen sich in der Schweiz nieder, so etwa Toni Aktuaryus in Zürich und Fritz Nathan in St. Gallen. Mit beiden machte Bührle Geschäfte.

Der Schweizer Kunstmarkt

Ab 1933 führte die zunehmende Judenverfolgung in NS-Deutschland und später in Österreich zur Emigration von Sammlern und Galeristen nach Europa und in die USA. Durch die Auflösung zahlreicher privater und öffentlicher Sammlungen in Folge von Beschlagnahmungen, Enteignungen und Zwangsverkäufen kam es zu einer Schwemme von Werken auf dem Kunstmarkt, die sich durch die Verfolgungen und Plünderungen im besetzten Europa ab 1940 noch verstärkte. Davon profitierte auch der Schweizer Kunstmarkt.

Der international vernetzte Schweizer Maler, Mittelsmann und Sammler Carl Montag, der in Verbindung zum Kunsthaus stand, empfahl Bührle 1939, in Konkurrenz zum in Winterthur tätigen Oskar Reinhart zu treten und eine Sammlung erstklassiger Werke anzulegen. Reinhart, der seit den 1920er-Jahren vorwiegend impressionistische Gemälde und Alte Meister sammelte, war zu diesem Zeitpunkt der wichtigste Sammler in der deutschsprachigen Schweiz.

Seit 1938 stand Bührle im Kontakt mit der Galerie von Theodor Fischer in Luzern. 1939 besuchte er die von Fischer für das NS-Regime organisierte Auktion von Werken, die in deutschen Museen beschlagnahmt und als «entartet» diffamiert worden waren. Fischer verkaufte in den Folgejahren auch Werke aus Privatbesitz, die von den Nationalsozialisten in Frankreich geraubt worden waren. Bührle kaufte elf dieser Gemälde bei Fischer, davon allein 1942 zehn zum Gesamtwert von 543'000 Franken. Dass er einen Teil seiner Sammlung unrechtmässig erworben hatte, wurde Bührle bald nach Kriegsende klar.

Fischer Auktion Entartete Kunst in Luzern, 1939, Fotograf unbekannt Foto: Heritage Image Partnership Ltd / Alamy Stock Foto

Die folgenden vier, im Kunsthaus ausgestellten Gemälde sind Beispiele von ehemaliger Raubkunst aus der Sammlung Emil Bührle. Details zu allen Sammlungswerken und ihren Provenienzen finden sich auf: www.buehrle.ch/sammlung/.

Jean-Baptiste-Camille Corot, Moine assis, lisant (Lesender Mönch), um 1865 Öl auf Leinwand, 73 x 50 cm, Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich, Foto: SIK-ISEA, Zürich (J.-P. Kuhn)
Edgar Degas, Madame Camus au piano (Madame Camus am Klavier), 1869 Öl auf Leinwand, 139 x 94 cm, Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich, Foto: SIK-ISEA, Zürich (J.-P. Kuhn)
Edgar Degas, Avant le départ (Vor dem Start), 1878/1880 Öl auf Leinwand, 39,5 x 89 cm, Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich, Foto: SIK-ISEA, Zurich (J.-P. Kuhn)
Édouard Manet, La Toilette (Die Toilette), um 1879 Pastell auf Leinwand, 55 x 46 cm, Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich, Foto: SIK-ISEA, Zürich (J.-P. Kuhn)

1945 richtete der Bundesrat (die Schweizer Regierung) auf Druck der Alliierten beim Bundesgericht eine Raubgutkammer ein. Es folgten juristische Ermittlungen, im Laufe derer 77 in Schweizer Sammlungen gelangte Kunstwerke identifiziert wurden, die ihren Besitzern geraubt worden waren. Davon waren 13 im Besitz von Bührle, er musste diese Werke restituieren. Neun von ihnen erwarb er zu Marktpreisen ein zweites Mal.

Urteil der Raubgutkammer des Schweizerischen Bundesgerichts vom 3.6.1948 Archiv Stiftung Sammlung E. G. Bührle, Zürich Vertrag über den Rückkauf von Corots Liseuse von Paul Rosenberg, 30.6.1948 Archiv Stiftung Sammlung E. G. Bührle, Zürich

Zu den Bildern, die Bührle von Fischer erwarb und später restituieren musste, gehört La Liseuse von Camille Corot. Das Werk war dem jüdischen Galeristen Paul Rosenberg 1940 auf seiner Flucht aus Frankreich gestohlen worden. Bührle erwarb es 1942 in der Galerie Fischer für 70’000 Franken. 1948 musste er es an Rosenberg zurückgeben. Knapp einen Monat später erwarb er es für die Summe von 80’000 Franken in dessen New Yorker Galerie. Bührle kaufte das Gemälde damit zum zweiten Mal, diesmal aber beim rechtmässigen Besitzer.

Jean-Baptiste-Camille Corot, La Liseuse (Das lesende Mädchen), 1845/1850 Öl auf Leinwand, 42,5 x 32,5 cm, Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich, Foto: SIK-ISEA, Zürich (J.-P. Kuhn)

Fünf Werke der Sammlung Bührle haben gemäss der von der Schweizer Regierung 1996 eingesetzten Unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg («Bergier-Kommission») als «Fluchtgut» zu gelten. Fluchtgut sind Vermögenswerte, die von den Eigentümern ins nicht besetzte Ausland in Sicherheit gebracht werden konnten und weiterhin ihrer freien Verfügung unterstanden. Siehe auch weiter unten im dritten Abschnitt dieses Kapitels die Informationen zum Thema «Provenienzforschung».

Gustave Courbet, Portrait du sculpteur Louis-Joseph Leboeuf (Der Bildhauer Louis-Joseph Leboeuf), 1863 Öl auf Leinwand, 65 x 50 cm, Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich, Foto: SIK-ISEA, Zürich (J.-P. Kuhn)
Paul Gauguin, La Route montante (Die Strasse), 1884 Öl auf Leinwand, 46 x 38 cm, Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich, Foto: SIK-ISEA, Zürich (J.-P. Kuhn)
Vincent van Gogh, Le Vieux Clocher (Der alte Turm), 1884 Öl auf Leinwand auf Holz, 47,5 x 55 cm, Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich, Foto: SIK-ISEA, Zürich (J.-P. Kuhn)
Claude Monet, Le Jardin de Monet à Giverny (Monets Garten in Giverny), 1895 Öl auf Leinwand, 81,5 x 92 cm, Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich, Foto: SIK-ISEA, Zürich (J.-P. Kuhn)
Henri de Toulouse-Lautrec, Georges-Henri Manuel, 1891 Pastell auf Karton, 88 x 51 cm, Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich, Foto: SIK-ISEA, Zürich (J.-P. Kuhn)

Das Gemälde von Gustave Courbet gehörte dem Berliner Verlagsunternehmer Franz Ullstein (1868–1945), dessen Unternehmen infolge seiner jüdischen Abstammung 1934 zu rund einem Fünftel seines Werts zwangsveräussert wurde. Ullstein schickte das Bild 1935 anlässlich einer Ausstellung an das Kunsthaus Zürich, wo es vorerst blieb und dadurch in Sicherheit war. Das Bild ging 1939 in das Eigentum der Tochter Lisbeth Malek-Ullstein über, die von 1939 bis 1941 im neutralen Portugal lebte und vermutlich dort auf die Ausreise in die USA wartete. Sie veranlasste 1941 noch aus Portugal, dass das Bild vom Kunsthaus zu einem Händler nach Genf spediert wurde, wo sich die Spur verliert. Zu welchem Preis das Werk verkauft wurde, konnte bisher nicht geklärt werden. Das Bild taucht sodann ein Jahr später, 1942, beim St. Galler Galeristen Fritz Nathan auf, der es für 26'000 Franken an Emil Bührle verkaufte.

Gustave Courbet, Portrait du sculpteur Louis-Joseph Leboeuf (Der Bildhauer Louis-Joseph Leboeuf), 1863 Öl auf Leinwand, 65 x 50 cm, Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich, Foto: SIK-ISEA, Zürich (J.-P. Kuhn)

Nachdem Emil Bührle bis 1950 vorwiegend bei Schweizer Galeristen gekauft hatte, nutzte er die zahlreichen Geschäftsreisen in die USA für Kontakte zu dortigen Kunstgalerien und Händlern. Zwischen 1950 und 1956 erfolgte die quantitativ und qualitativ grösste Erweiterung seiner Sammlung. Bührle erwarb zu den vorhandenen rund 200 Werken in kurzer Zeit weitere 400. Der Schwerpunkt lag hierbei weiterhin auf französischer Kunst und Klassischer Moderne, aber auch viele Werke Alter Meister und mittelalterliche Skulpturen kamen hinzu.

1951: Edgar Degas, Femme s’essuyant (Sich trocknende Frau), 1896/1898 Pastell auf Karton, 66 x 61 cm, Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich, Foto: SIK-ISEA, Zürich (J.-P. Kuhn)
1952: Ulm, Stehende Muttergottes, um 1470 Holz, 138 x 45 x 30 cm, Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich, Foto: Schälchli/Schmidt, Zürich
1952: André Derain, Scène d’intérieur (Interieur), um 1904 Öl auf Leinwand, 94 x 85 cm, Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich, Foto: SIK-ISEA, Zürich (J.-P. Kuhn)
1954: Paul Signac, Les Modistes (Die Hutmacherinnen), 1885/1886 Öl auf Leinwand, 116 x 89 cm, Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich, Foto: SIK-ISEA, Zürich (J.-P. Kuhn)
1955: Chaïm Soutine, Portrait d’une dame (Damenbildnis), um 1928 Öl auf Leinwand, 73 x 60 cm, Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich, Foto: SIK-ISEA, Zürich (J.-P. Kuhn)
1955: Jean-Auguste-Dominique Ingres, Hippolyte-François Devillers, 1811 Öl auf Leinwand, 96,5 x 78,5 cm, Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich, Foto: SIK-ISEA, Zürich (J.-P. Kuhn)

Die Stiftung Sammlung E.G. Bührle

Am 24. Februar 1960, vier Jahre nach Emil Bührles Tod, gründeten seine Witwe Charlotte Bührle-Schalk sowie die gemeinsamen Kinder Dr. Dieter Bührle und Hortense Anda-Bührle die Stiftung Sammlung E.G. Bührle mit Sitz in Zürich.

Die Stifter übergaben der Stiftung rund einen Drittel der Kunstwerke aus dem Gesamtbestand der Sammlung und stellten sicher, dass die vom Sammler angestrebte Struktur und Vollständigkeit in der Stiftung erhalten blieb.

Charlotte Bührle-Schalk bei der Begrüssung der Presse zur Eröffnung des Museums, Zürich, 26.4.1960 Archiv Stiftung Sammlung E. G. Bührle, Zürich Stiftungsurkunde, 1960 Archiv Stiftung Sammlung E. G. Bührle, Zürich

Die Sammlung der Stiftung wurde in einem ehemaligen Wohnhaus an der Zollikerstrasse 172 in Zürich untergebracht, die Villa aus dem Jahr 1886 zum Museum umgebaut und ab April 1960 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Kosten für Betrieb und Unterhalt des Museums trugen die Stifter. Erste Präsidentin war Charlotte Bührle-Schalk, ihre Nachfolgerin war ab 1980 Hortense Anda-Bührle. Von 2014 bis 2020 wurde die Stiftung von Dr. Dieter Bührles Sohn Christian präsidiert.

Die "Cézanne-Trilogie", Raumansicht an der Zollikerstrasse 172, Zürich Archiv Stiftung Sammlung E. G. Bührle, Zürich, Foto: Peter Schälchli, Zürich

Von 1961 bis 2018 ging die Sammlung der Stiftung Bührle wiederholt auf Reisen und wurde in namhaften Museen und Ausstellungshäusern in Europa, Nordamerika und Japan gezeigt. 2010 fand eine erfolgreiche Ausstellung im Kunsthaus Zürich statt. Die letzte Reise vor dem Einzug ins Kunsthaus führte 2019 ins Musée Maillol in Paris – es war die erste Präsentation der Sammlung in Frankreich.

Das Haus (Gartenseite) an der Zollikerstrasse 172 in Zürich Archiv Stiftung Sammlung E. G. Bührle, Zürich

2002 wurde der Kunsthistoriker Dr. Lukas Gloor neuer Direktor der Stiftung. Unter seiner Leitung fand die Aufarbeitung der Provenienzen aller Werke statt. Die vorhandenen Angaben der Stiftung wurden mit neueren Erkenntnissen abgeglichen und unter Mitarbeit der Spezialistin Laurie A. Stein (Chicago/Berlin) in ein Schema überführt, das nicht nur jeden bekannten Besitzerwechsel eines Kunstwerks erfasst, sondern auch offenlegt, worauf sich die entsprechende Information stützt.

Provenienzforschung

Ziel der Provenienzforschung ist die Klärung der Herkunft und der Besitzverhältnisse von Kunstwerken. Mit der «Washingtoner Erklärung» verpflichteten sich 1998 die unterzeichnenden Staaten, Kunstwerke, die während der Zeit des Nationalsozialismus beschlagnahmt wurden, ausfindig zu machen, die rechtmässigen Eigentümer oder deren Erben zu finden und rasch die notwendigen Schritte zu unternehmen, um zu fairen und gerechten Lösungen zu gelangen.

Die Abgrenzung der Begriffe «Raubkunst», «Zwangsverkäufe», «Fluchtgut» und «Entartete Kunst» sind für eine sachlich fundierte und differenzierte Diskussion zur Frage der Restitution zentral. Als «Raubkunst» gelten durch die Nationalsozialisten aus Privatbesitz und vorwiegend aus jüdischem Eigentum konfiszierte Kunstwerke. Als «Zwangsverkäufe» werden die von den Nazis angeordneten Verkäufe bezeichnet, deren Ertrag nicht marktkonform war oder nicht den Eigentümern zufloss bzw. diesen entzogen wurde. Solche Objekte werden heute wie NS-Raubkunst behandelt. «Fluchtgut» sind Vermögenswerte, die von den Eigentümern ins nicht besetzte Ausland in Sicherheit gebracht werden konnten und weiterhin ihrer freien Verfügung unterstanden. Dementsprechend sind sie von der Washingtoner Erklärung nicht berührt. Nicht von der Washingtoner Erklärung erfasst ist die sogenannte «Entartete Kunst». Dabei handelt es sich um Kunstwerke, die von den Nazis aus den staatlichen Museen entfernt und in der Folge entweder zerstört oder auf dem internationalen Kunstmarkt verkauft wurden.

Am 10. Februar 2008 wurde das Museum an der Zollikerstrasse Opfer eines bewaffneten Raubüberfalls. Vier Hauptwerke von Cézanne, Degas, van Gogh und Monet wurden entwendet. Zwei davon kehrten rasch wieder zurück, die anderen wurden erst vier Jahre später in Belgrad sichergestellt. Ende Mai 2015 musste die Stiftung das Museum schliessen, da es sich als unmöglich erwies, das Haus mit der nötigen Sicherheit für reguläre Öffnungszeiten auszurüsten.

Vincent van Gogh, Branches de marronnier en fleur (Blühende Kastanienzweige), 1890 Öl auf Leinwand, 73 x 92 cm, Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich, Foto: SIK-ISEA, Zürich (J.-P. Kuhn)

2016 konnte die Stiftung bekanntgeben, dass ihr zehn bedeutende Bilder aus der Sammlung Emil Bührles von dessen Sohn, Dr. Dieter Bührle, vermacht worden sind. Der Bestand der Stiftung umfasste damit 203 Werke. 2021 übernahm der Zürcher Rechtsanwalt Alexander Jolles das Präsidium der Stiftung, die damit erstmals nicht von einem Mitglied der Familie geleitet wird.

Pablo Picasso, Barcelone la nuit (Barcelona in der Nacht), 1903 Öl auf Leinwand, 67 x 50 cm, Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich, Vermächtnis Dr. Dieter Bührle, 2012, Foto: Schälchli/Schmidt, Zürich

Das Kunsthaus

Das Kunsthaus

Das Kunsthaus ist seit 1940 untrennbar mit der Sammeltätigkeit, dem Mäzenatentum sowie den persönlichen Ambitionen Emil Bührles verbunden.

Kein Fürst, kein Staat, kein Sammler – am Ursprung des Kunsthaus Zürich steht ein kleiner, geselliger Kreis von Künstlern und Kunstliebhabern, die sich seit 1787 regelmässig zu freundschaftlicher Diskussion und wechselseitiger Förderung trafen. Ab 1794 bezeichnete sich dieser als Künstlergesellschaft, die 1803 einen Verein gründete, um Werke zu sammeln.

1847 entstand neben ihrer bescheidenen Heimstatt, dem «Künstler-Güetli», ein Galerietrakt. Sammeln und Ausstellen waren von nun an die beiden wichtigsten Aktivitäten. 1896 ging aus der Künstlergesellschaft die Zürcher Kunstgesellschaft hervor, die die Geschicke des Kunsthauses bis heute leitet. Sie hat aktuell mehr als 23’000 Mitglieder.

Wirthschaft zum Künstlergut : Eingang zum Künstlergut, 1910 Archiv ZKG/KHZ

Ein Meilenstein in der Geschichte des Kunsthauses war die Eröffnung des grossen Museumsgebäudes von Karl Moser im Jahr 1910. Im Vorstand der Zürcher Kunstgesellschaft waren Private und die öffentliche Hand vertreten. Zwischen 1940 bis 1960 war Franz Meyer-Stünzi Präsident der Gesellschaft. Auf seine Initiative hin wurde Bührle 1940 Mitglied der Sammlungskommission der Kunstgesellschaft. Dieses Gremium befand über die Ankäufe.

Kunsthaus Zürich: Ansicht vom Heimplatz, Haupteingang, 1910 Archiv ZKG/KHZ

Mit grosser Freude hat der Vorstand der Kunstgesellschaft vernommen, dass Sie bereit sind, am Ausbau der Sammlung mitzuarbeiten und sie in der gestrigen Sitzung als Mitglied unserer Sammlungskommission gewählt.

Dr. Wilhelm Wartmann, Direktor des Kunsthauses, 1940

Emil Bührle, der die Waffenproduktion seiner Firma gerade an den Achsenmächten ausrichtete, und der neue Präsident der Kunstgesellschaft, bewegten sich in denselben wirtschaftlichen Netzwerken und Arbeitgeberkreisen, die Anfang der 1940er-Jahren grosse Sympathien für das nationalsozialistische Deutschland hegten.

Die Sammeltätigkeit war integraler Bestandteil seines sozialen Aufstiegs und seiner Integration in der Zürcher Kunstgesellschaft.

Prof. Dr. Matthieu Leimgruber, 2020

Bührle erwies sich als aktives und auch loyales Mitglied der Sammlungskommission. Es gibt keinen Fall, in dem sich Bührle gegen einen Ankauf durchsetzte. Verschiedentlich machte er Ankäufe möglich, indem er die Ankaufssumme vorstreckte.

Im Mai 1944 wurde Emil Bührle eingeladen, Mitglied im Vorstand der Kunstgesellschaft zu werden und nahm die Berufung an.

8.5.1944 Einladung zur Mitgliedschaft im Vorstand der Zürcher Kunstgesellschaft Archiv ZKG/KHZ

Leihgaben

Bührles Mitarbeit in der Kommission festigte die Verbindung zum Kunsthaus. Sein Kontakt mit Direktor Wilhelm Wartmann war intensiv, auch brieflich wurden viele Fragen erörtert. Dabei ging es meist um Werke, die sich zum Erwerb anboten, zuweilen auch um mögliche Ankäufe für Bührles eigene Sammlung. 1943 eröffnete Wartmann eine Ausstellung im Kunsthaus, deren Gegenstand die internationale Kunst in Zürcher Privatbesitz war. Der grösste Leihgeber war Emil Bührle.

  • Katalog der Ausstellung «Europäische Kunst 13.-20. Jahrhundert: aus Zürcher Sammlungen», Kunsthaus Zürich, 6. Juni bis 13. August 1950

    Als der neue Direktor René Wehrli 1950 eine Ausstellung europäischer Kunst veranstaltete, stellte Bührle seine inzwischen gewachsene Sammlung zur Verfügung, darunter auch Cézannes Der Knabe mit der roten Weste.

Schenkungen

Die erste Schenkung Bührles an das Kunsthaus war das monumentale Höllentor von Auguste Rodin. Das Werk, das im Eigentum des Pariser Bronzegiessers Rudier war, kam 1947 für eine Ausstellung von Metallgüssen Rudiers ans Kunsthaus. Zusammen mit drei weiteren Bronzen aus den Beständen Rudiers wurde das Höllentor 1949 für das Kunsthaus erworben. Während die anderen Werke mit einem Beitrag der Stadt Zürich gekauft werden konnten, gelangte das Höllentor über den Baufonds für den neuen Ausstellungsflügel und dadurch mit Mitteln Emil Bührles in die Sammlung.

Auguste Rodin, La Porte de l’enfer (Das Höllentor), 1880–1917 Bronze, 680 x 400 x 85 cm, Kunsthaus Zürich, Geschenk Emil Georg Bührle, 1949, Foto: Kunsthaus Zürich, Franca Candrian

Mit dem neuen Direktor des Kunsthauses, René Wehrli, reiste Emil Bührle 1951 nach Giverny, wo Claude Monet die letzten dreissig Jahre seines Lebens verbrachte und einen eigenen Garten angelegt hatte. Bührle kaufte dort zwei grossformatige Seerosenbilder für das Kunsthaus und eines für seine eigene Sammlung.

Claude Monet, Le Bassin aux nymphéas, le soir (Der Seerosenteich am Abend), 1916/1922 Öl auf Leinwand, 200 x 600 cm, Kunsthaus Zürich, Geschenk Emil Georg Bührle, 1952, Foto: Kunsthaus Zürich, Franca Candrian Claude Monet, Le Bassin aux nymphéas avec iris (Der Seerosenteich mit Iris), 1914/1922 Öl auf Leinwand, 200 x 600 cm, Kunsthaus Zürich, Geschenk Emil Georg Bührle, 1952, Foto: Kunsthaus Zürich, Franca Candrian

Bührle würdigte den raumstiftenden Charakter der Werke und ermöglichte den Kauf aus dem Baufonds, mit dem er das neu geplante Ausstellungsgebäude des Kunsthauses am Heimplatz finanziert. Heute sind die drei Bilder im Erweiterungsbau wiedervereinigt.

Bührlesaal

In einer geradezu feierlich zu nennender Stimmung hat der Vorstand der Zürcher Kunstgesellschaft in seiner gestrigen Sitzung die Mitteilung von ihrer Schenkung zur Ermöglichung einer zweiten Kunsthauserweiterung entgegen genommen. Er hat uns ersucht, Ihnen für diese Entschliessung den allerlebhaftesten Dank auszusprechen.

Dr. Wilhelm Wartmann, Direktor des Kunsthauses, 1941

Schon mit seinem Einstieg in die Sammlungskommission 1940 versprach Bührle, mit zwei Millionen Schweizer Franken zur Finanzierung der baulichen Erweiterung beizutragen. 1941 nahm er Einsitz in die Baukommission. 1946 sowie 1952 kamen jeweils zwei weitere Millionen für den Baufonds hinzu. Bührle wurde 1953 Vizepräsident der Zürcher Kunstgesellschaft und übernahm den Vorsitz der Sammlungskommission.

26.7.1941 Einladung zur Mitgliedschaft in die Baukomission Archiv ZKG/KHZ

Emil Bührle erlebte die Eröffnung nicht mehr. Der seit 1944 von den Gebrüdern Pfister geplante und von ihm finanzierte grosse Ausstellungssaal wurde 1958, zwei Jahre nach seinem Tod, eröffnet. Die Einweihung war ein gesellschaftliches Ereignis. Die Eröffnungsausstellung in dem 1’200 Quadratmeter grossen Tageslichtsaal war die erste öffentliche Präsentation der Sammlung Emil Bührle.

Das Kunsthaus Zürich mit dem Erweiterungsbau der Gebrüder Pfister, 1959 Archiv Kunsthaus Zürich

Der grösste stützenlose Ausstellungssaal der Schweiz wurde nach seinem Stifter benannt. Erstmals mussten nun für den Aufbau einer Ausstellung die Sammlungsräume nicht mehr geleert werden. Für Jahrzehnte war der Bührlesaal der mit Abstand wichtigste Ausstellungssaal einer musealen Institution in der Schweiz. Unzählige bedeutende Ausstellungen wurden seit seiner Eröffnung hier gezeigt.

Die Ausstellung der Sammlung Emil Bührle im Bührlesaal, 1958 Kunsthaus Zürich, Foto: Walter Dräyer Ausstellungsansicht «Amerikanische Kunst 1948-1968» im Bührlesaal, 1969 Kunsthaus Zürich, Foto: Walter Dräyer

Volksabstimmung

Die wesentlichen Bestände der Stiftung ergänzen sich mit denen des Kunsthauses, vor allem auf dem Gebiet der französischen Malerei. Die Zürcher Kunstgesellschaft erarbeitete 2005 ein Konzept, das den Umzug der Sammlung aus dem Privatmuseum ins Kunsthaus ermöglichen sollte. 2006 wurde eine erste Grundsatzvereinbarung zwischen der Stiftung, der Kunstgesellschaft und der Stifterfamilie über den Umzug in die geplante Kunsthaus-Erweiterung unterzeichnet.

2010 fand eine Ausstellung der Stiftungswerke im Kunsthaus statt, die rund 130’000 Besucher und Besucherinnen zählte. Ein Dokumentationsraum zur Entstehung der Sammlung und zu Bührle als Unternehmer war Bestandteil der Ausstellung. Seit 2010 sind die Provenienzen sämtlicher Werke im Besitz der Stiftung auf deren Website einzusehen. Der Zürcher Gemeinderat stellt sich hinter den Einzug der Sammlung in die projektierte Kunsthaus-Erweiterung von Sir David Chipperfield. Bei der Volksabstimmung 2012 ist der Einzug der Stiftungswerke ins Kunsthaus Bestandteil der Abstimmungsvorlage.

Die Seerosenbilder von Claude Monet in der Ausstellung der Sammlung Emil Bührle im Kunsthaus Zürich, 2010 Kunsthaus Zürich, Foto: fmb studio

Der Sammler und Industrielle Emil Bührle sorgte seit 1970 immer wieder für Kontroversen. Um die ökonomischen, politischen und sozialen Hintergründe der Entstehung seiner Sammlung zu beleuchten, gaben Stadt und Kanton Zürich eine Untersuchung in Auftrag, die der Wirtschaftshistoriker Prof. Dr. Matthieu Leimgruber leitete. Seine Untersuchung wurde im Herbst 2020 im Rahmen einer Pressekonferenz präsentiert.

Matthieu Leimgruber, Kriegsgeschäfte, Kapital und Kunsthaus. Die Entstehung der Sammlung Emil Bührle im historischen Kontext, Zürich 2021

Erweiterung 2021

Der Erweiterungsbau von David Chipperfield Architects am Heimplatz in Zürich, 2021 Foto: Kunsthaus Zürich, Franca Candrian

Die Bührle-Werke sind nun in der Obhut einer musealen Institution, die von der öffentlichen Hand mitgetragen wird. Bührles Werke sind hier in verschiedener Weise kontextualisiert: Ein Dokumentationsraum führt in die Geschichte von Emil Bührle und seine Tätigkeit als bis heute umstrittenem Industriellen und Kunstsammler ein. Die Sammlung Emil Bührle grenzt nun an diejenige des Kunsthauses und wird zudem Nachbarin wechselnder Ausstellungen – nicht zuletzt solcher zu Gegenwartskunst. Auf diese Weise wird sie an ein Kunstzentrum von internationaler Bedeutung angeschlossen und fortan völlig neu in der Öffentlichkeit platziert.

Vincent van Gogh, Les Ponts d’Asnières (Die Seine-Brücken bei Asnières), 1887 Öl auf Leinwand, 53,5 x 67 cm, Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich, Foto: Schälchli/Schmidt, Zürich
Paul Gauguin, Tournesols sur un fauteuil (Sonnenblumen auf einem Armsessel), 1901 Öl auf Leinwand, 68 x 75,5 cm, Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich, Foto: SIK-ISEA, Zürich (J.-P. Kuhn)
Paul Cézanne, Le Mont de Cengle (Der Mont de Cengle), 1904/1906 Öl auf Leinwand, 73 x 92 cm, Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich, Foto: SIK-ISEA, Zürich (J.-P. Kuhn)
Maurice de Vlaminck, Chaland sur la Seine au Pecq (Lastschiff auf der Seine bei Le Pecq), 1906 Öl auf Leinwand, 65 x 92 cm, Sammlung Emil Bührle, Dauerleihgabe im Kunsthaus Zürich, Foto: SIK-ISEA, Zürich (J.-P. Kuhn)

Die Zürcher Kunstgesellschaft weiss um die Verantwortung für dieses kulturelle Erbe: Es war eine bewusste Entscheidung, dass die Sammlung von Emil Bührle in die Öffentlichkeit gehört und das Kunsthaus dafür der richtige Ort ist. Im Kontext der eigenen Sammlung sowie der Stiftungen und Donationen, die das Kunsthaus seit mehr als einem Jahrhundert prägen, ist diese herausragende Kunstsammlung ein weiterer wichtiger Baustein. Die öffentliche Präsenz der Sammlung und das Wissen um ihre historischen Hintergründe sind wesentlich für unser kulturelles Selbstverständnis.

Weitere Quellen

Weitere Quellen

Wer sich eingehender mit der Geschichte Emil Bührles und seiner Sammlung beschäftigen möchte, dem seien folgende Quellen empfohlen:

Als Referenzwerk kann die Untersuchung "Kriegsgeschäfte, Kapital und Kunsthaus. Die Sammlung Emil Bührle im historischen Kontext" von Prof. Dr. Matthieu Leimgruber gelten, die im Auftrag von Stadt und Kanton Zürich an der Forschungsstelle für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Universität Zürich entstanden ist. Dort findet man auch die Presseveröffentlichungen zu Sammler und Sammlung, die regelmäßig aktualisiert werden.

Wer sich über den Stand der Provenienzforschung informieren möchte, kann dies auf der Seite der Stiftung Sammlung E.G. Bührle tun.

Das Archiv der Stiftung Bührle ist in der Bibliothek des Kunsthauses untergebracht und steht der Forschung zur Verfügung.

Auf der Website des Kunsthaus Zürich kann jederzeit eine Führung durch die Sammlung Emil Bührle und den Dokumentationsraum gebucht werden.

Dokumentationsraum, Foto © Franca Candrian

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